Falsche Anschuldigungen sollten Sie sich nicht gefallen lassen. Dabei ist es von Bedeutung diese rechtzeitig zu erkennen und zurückzuweisen. Insbesondere das perfide Victim Blaming kann auf Dauer zu psychischen Problemen führen. Doch es gibt Möglichkeiten, sich effektiv zur Wehr zu setzen.

Victim Blaming: Täter-Opfer-Umkehr als Ausrede

Der Begriff Victim Blaming ist in der öffentlichen Diskussion immer öfter zu hören. Mit diesen beiden englischen Worten bezeichnen Psychologen die Umkehrung der Rollen von Täter und Opfer nach einer Straftat. Seit den frühen 70er Jahren des letzten Jahrhunderts wird das Victim Blaming auch von Juristen vor dem Strafgericht als Verteidigungsstrategie verwendet. 

Was ist Victim Blaming?

Dem Opfer wird beim Victim Blaming aufgrund seines Verhaltens die Schuld am Handeln des Täters zugewiesen. Die Schuldzuweisung in Richtung des Opfers eines Gewaltverbrechens soll den Täter entlasten, sodass er als unschuldig Angeklagter einen Freispruch erhält. Statt dem schuldfähigen Täter seine Straftat vor Augen zu führen, wird er in der Argumentationskette des Victim Blamings selbst zum Opfer einer Provokation stilisiert. 

viktimisierung

Diese Strategie von Strafverteidigern erzeugt beim Opfer eine sekundäre Viktimisierung, die sich in der Psyche manifestieren kann. Der Prozess vor Gericht, der eigentlich mit der Bestrafung des Täters durch die Gemeinschaft enden soll, wird zum traumatischen Erlebnis für das Opfer. Zu den typischen Prozessfällen, in denen die Verteidiger vor dem Strafgericht die Opferbeschuldigung in ihren Plädoyers thematisieren, gehören 

  • häusliche Gewalt
  • Vergewaltigungen
  • Belästigungen
  • rassistische Übergriffe

Bei diesen Straftaten unterstellen die Verteidiger den Opfern selbst den Anreiz zur Tatbegehung gegeben zu haben. Auf den ersten Blick ist das hinterhältige Argumentationsmuster erkennbar, denn kein Gewaltopfer auf dieser Welt wird je einen Täter auffordern ihm sinnlos Schmerz und Leid zuzufügen.

Victim Blaming als Alltagserscheinung

In der Psychologie wird auch das Verhalten von sogenannten Narzissten gegenüber ihren nächsten Angehörigen oft als Victim Blaming beschrieben. 

Im familiären Zusammenleben und im Freundeskreis suggerieren Narzissten Partnern und Bekannten Schuldgefühle. Gelingt es dem Narzissten ein schlechtes Gewissen in einer anderen Person zu erzeugen, dann gewinnt er Macht über diesen Menschen. Der Narzisst manipuliert seine Umgebung, indem er das Verhalten von Freunden und Familienmitgliedern mithilfe von Schuldgefühlen zu seinen Gunsten lenkt.

Tipp: Machen Sie sich Gedanken über Ihre sozialen Beziehungen

Sogar glückliche Menschen lassen sich von Freunden und Bekannten hin und wieder benutzen. Denken Sie über die Motivation des Verhaltens anderer Personen Ihnen gegenüber nach. Entlarven Sie die Falle der Schuldgefühle und des Victim Blamings.

Kann ein Opfer sich auch mit strafrechtlichen Mitteln gegen Victim Blaming wehren?

Der Strafverteidiger, der sich der Methode des Victim Blamings bedient, bezieht das Opfer als aktiven Teil in die Handlung des Täters ein. Die Äußerungen über das Verhalten des Opfers können die Grenze zur strafrechtlich relevanten Beleidigung und Verleumdung berühren. Nach dem deutschen Strafgesetzbuch sind Behauptungen mit diffamierendem Inhalt, die nicht bewiesen werden können, eine Beleidigung. 

Beispiel: Behauptung und Beweis

Zum Beispiel darf nur ein wegen Diebstahls rechtskräftig verurteilter Mensch als Dieb bezeichnet werden. Wenn ein Strafverteidiger dem Opfer in einer Verhandlung vor dem Strafrichter vorwirft, mit dem Tragen eines kurzen Rocks einen sexuellen Übergriff provoziert zu haben, dann muss er die beschriebene Kleidung beweisen können.

Besonders perfide an dieser Victim Blaming Argumentation ist, dass weder Frau noch Mann mit Rock eine Provokation darstellen. Allein der mutmaßliche Täter hat ein Problem mit einem Kleidungsstück, das nach allgemeiner Ansicht zu den üblichen Outfits in unserem Kulturkreis zählt. Der Strafverteidiger vertauscht daher bei seinen Ausführungen über das Verhältnis von Opfer und Täter die Verantwortlichkeiten für das eigene Leben.

Kein einziges Opfer häuslicher Gewalt oder anderer Gewaltexzesse ist für das Verhalten eines potenziellen Täters verantwortlich. Ein leicht reizbarer Mensch ist im Gegenteil moralisch dazu verpflichtet, sich in eine Therapie zu begeben und sich entsprechend der allgemein anerkannten sozialen Verhaltensweisen mitten in der Gesellschaft verträglich zu benehmen. 

Vom Mobbing zum Victim Blaming

Wie beim Victim Blaming ist auch beim Mobbing das Opfer ungerechten Verhaltensweisen ausgesetzt. Mobbing gibt es in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens wie Familie, Schule, Mobbing im Job und im Internet. Beim Mobbing wird das Opfer systematisch mit Beleidigungen, unangemessener Kritik und Androhung von Gewalt gequält. Wenn sich Mobbing-Opfer wehren, dann greifen die Täter in der Regel zur Argumentationsstrategie des Victim Blamings.

Ein Satz wie „Der ist doch selbst schuld!“ ist typisch für Täter, die andere Menschen mobben. Genau diese Behauptung stellen Strafverteidiger in Prozessen beim Victim Blaming auch auf. Daher sind Mobbing-Opfer in Gefahr vor Gericht statt als Opfer als Täter dargestellt zu werden.

Wie wehren sich Opfer effektiv gegen Victim Blaming?

Opfer sollten sich grundsätzlich bei Freunden und Psychologen Hilfe holen. Eine psychologische Unterstützung kann verhindern, dass Mobbing und Victim Blaming zu einer Traumatisierung führen. Oft kann bei Mobbing der Wechsel der Schule, der Arbeitsstelle oder der Wohnung der beste Weg in eine sorgenfreie Zukunft sein. 

Beim Victim Blaming vor Gericht muss der eigene Rechtsanwalt das Thema offen ansprechen. Zudem kann das Opfer selbst auch vor Gericht der Argumentation des Verteidigers widersprechen. Dieser Weg sollte aber nur mit professioneller Begleitung gewählt werden, denn rasch kann es von der Gegenseite aus zu neuen verletzenden Diffamierungen kommen.

Lesetipp der Redaktion

Diskriminierung an der Diskotür: Hausrecht oder nicht?

Mehr erfahren